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Inspektionsreise 2014

Bericht von Herbert Weihmann
Kolenchery/Kerala/Suedindien, im Februar 2014

Liebe Paten, liebe Freunde,

aus dem deutschen Starkfrost mit einer Nacht zum Akklimatisieren beim Zwischenstopp in Dubai trifft uns beim Ausgang des Flughafens Kochin die volle Hitze Indiens. Zwar ist es erst gegen 9 Uhr, aber es sind bereits 25° C. Wie immer steht eine riesige Menschenmenge vor dem Gebäude und wartet; auf wen oder was? So viele Fluggäste kann es gar nicht geben! Schon hat uns die Andersartigkeit des Subkontinents wieder eingefangen. Es ist feuchtstickig heiß, es ist laut und betriebsam und doch wieder irgendwie statisch, weil sich nichts verändert. Es ist schmutzig und doch bunt und farbenfroh. Der Verkehr ist unbeschreiblicher denn je, die Straßen teilweise kaum noch befahrbar, mit Kühen, Wasserbüffeln und Ziegen, einzeln oder in Herden als zusätzlichen Teilnehmern, und doch ist alles in Bewegung - irgendwie. Hinter den soliden Häusern an den Hauptverkehrsstraßen herrscht in den dahinterliegenden Nebengassen das bittere Elend. Es gibt viele kleine dicht aneinander gedrängte Läden und notdürftig errichtete Verkaufsstände, aus denen die Menschen größtenteils vergleichbare Waren anbieten, und kaum jemand kann davon leben oder gar die Familie ernähren. Im Straßen- und Häuserbau arbeiten Kulis, darunter Frauen, die schwere Steine schleppen oder andere harte körperliche Arbeiten verrichten. Zugleich sind mehrere größere Gruppen von Kindern jeden Alters in Uniformen überall beiderseits der Straßen auf dem Weg zur Schule. Das alles sehen wir erneut auf der Fahrt zu unserem indischen Büro. Ich hole ganz tief Luft und steige mit vielen Vorahnungen für die kommenden Wochen wieder ein - in diese so eigenartig fremde und nach mehreren Reisen dorthin doch schon seltsam vertraute Welt: Indien eben!

Das beste Mittel gegen Jetlag ist, sich gleich auf den neuen Tagesrhythmus einzustellen. Deswegen haben wir noch am Vormittag den weiteren Verlauf meines Besuchs besprochen. Zunächst einmal Büroarbeit und Durchsicht aller Abrechnungen der Heime und Projekte sowie der obligatorische Besuch beim indischen Rechnungsprüfungsbüro. In diesem Jahr stand wieder, wie auch in Deutschland, die steuerrechtliche Prüfung der Gemeinnützigkeit an. Die Freistellung war von Mr. Gopan und seinem Büro so vorbereitet, dass das „tax-certificate“ problemlos erteilt wurde. Diesmal geht es bei meiner Reise vor allem um Abstimmungsprobleme mit den Behörden.

Die Mühlen indischer Behörden mahlen langsam

Vor weiteren Informationen dazu muss ich Einiges über die Erlebnisse mit indischer Bürokratie ausführen. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass anders als in bekannten demokratischen Gesellschaften der Beamtenapparat nicht in erster Linie dazu da ist, den Bedürfnissen der Menschen zu dienen, sondern eher die Staatsmacht zu demonstrieren. Deswegen geht der normale indische Mensch auch nicht gerne zu Behörden, weil er erfahrungsgemäß von dort kaum oder nur mit langer Verzögerung Hilfe oder gar Entscheidung seines Anliegens erhält. Meisten muss immer wieder nachgefragt und immer mehr Papier ausgefüllt werden. Es sind hierbei eigentlich personenabhängig eher die niederen Beamten, die den Belangen der Antragsteller geringere Bedeutung zumessen und ihre Amtsautorität ausspielen. Entscheidungen von essentieller Bedeutung, wie finanzielle Hilfe bei schwerer Krankheit, Baugenehmigungen, erforderliche Zertifikate und anderes mehr brauchen manchmal ungerechtfertigt lange für ihre Bearbeitung. Das ist von Staat zu Staat und besonders von Distrikt zu Distrikt sehr unterschiedlich. So scheint in Kerala alles etwas einfacher zu gehen als in Tamil Nadu, den beiden Staaten unseres Arbeitsgebiets. Innerhalb von Tamil Nadu haben wir zumeist im Süden größere Probleme als im Norden. Leider kommen die Anliegen in der Regel auch nicht an höhere Instanzen oder Vorgesetzte, die, das sei ehrenrettend angemerkt, meistens mehr bewirken wollen und kulanter und kompetenter sind.

Diese Erfahrung zu machen ist für uns Europäer nachhaltig erschreckend und frustrierend zugleich. So habe ich den indischen Mitarbeitern manches Mal heftige Vorwürfe gemacht, wenn einige meiner Auflagen nicht erfüllt wurden oder eingeforderte Entscheidungen nicht gefallen sind. Auch sie haben aber einen Heidenrespekt vor der „Obrigkeit“ und gehen ohne Not dort nicht hin. Sie sind es auch Leid, in einigen ihnen bekannten Behörden wie Bittsteller oder gar Bettelnde für ihre und unsere Belange behandelt zu werden. So ziehen sich denn auch viele wichtige Dinge manchmal über Monate hin, bevor einigermaßen Klarheit in die Angelegenheit kommt. Wenn nun ein Europäer glaubt, er könne an dieser Praxis etwas ändern, erreicht er eher das Gegenteil. Deswegen muss auch ich mich in Geduld üben und die Mitarbeiter machen lassen, auch wenn es manchmal innerlich rumort.

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