Aktuelles > Bericht von der Inspektionsreise 2018 in Indien/ Teil 3

Bericht von der aktuellen Inspektionsreise in Indien

Familienhilfe – oft für alleinerziehende Mütter

Unterwegs suchen uns immer wieder auch Familien auf, die um unsere Hilfe bitten. Die Beantragung wird in beeindruckender Genauigkeit überprüft, die Frauen bringen alle nötigen Unterlagen mit, Geburtsurkunden, Personalausweise ev. die Sterbeurkunde wenn der Vater verstorben ist. Die Angaben werden von den Mitarbeitern genau überprüft und dann findet immer auch ein Besuch zu Hause statt. Heute besuchen wir eine Mutter mit drei kleinen Söhnen. Sie lebt in einer unglaublich ärmlichen, dunklen Behausung bei ihren Eltern in Chowra, einer Fischersiedlung. Sie liegt wunderschön an einem breiten Sandstrand – eigentlich könnte es paradiesisch sein, aber die vielen, vielen Fischerboote lassen ahnen, dass hier alle mit der mühsamen Fischerei ihren kargen Lebensunterhalt verdienen müssen.

Es ist unglaublich eng hier, die Häuser sind zwar überwiegend aus Stein, aber innen ist es ärmlich, dunkel und eng. Für sie und ähnliche Familien suchen wir dringend Paten. Die Familienhilfe wird zunehmend wichtiger für uns, da die Eltern oft aus bitterer Not ihre Kinder in die Heime geben.

Weiter geht die Reise, Richtung Tenkasi. Die Heime 39 und 41 sind beide in sehr gutem Zustand. Allerdings ist der Wassermangel hier ein echtes Problem. Im Heim 41 stellt die Stadt den Wasserzulauf nur zweimal in der Woche an und dann muss schnell gehandelt werden, um die Wasserbehälter aufzufüllen. Aber es reicht nicht, so muss noch ein zusätzlicher Behälter für 1000l und die Zuleitung installiert werden.

Wassermangel überall

Auch in den Heimen 24 und 40 in der Nähe von Coimbatore, die seit vielen Jahren von der erfahrenen Charlett geleitet werden, wird der Mangel an Wasser sehr deutlich – es ist einfach überall staubig und die vorherrschende Farbe ist braun. Der Monsunregen ist im letzten Jahr fast vollständig ausgeblieben und allen, die hier leben, ist Wasser ein kostbares Gut. Ebenso liegt das Heim des Ranji Aaron Memorial Trust und das St. Thomas Boys Home in einer kargen, trockenen und staubigen Gegend. Die Heime werden ohne größere Mängel befunden – das größte Problem ist der allgegenwärtige Wassermangel. Auch das Heim mit Schule für taubstumme Mädchen und Jungen „Gandhigram Santhi“ liegt in dieser staubtrockenen Gegend, der nahegelegene Stausee ist in den letzten vier Wochen sehr klein geworden. Dieses Heim und die Schule hat mich schon bei meinem letzten Besuch stark berührt. Die Stimmung ist fröhlich und wir erhalten wieder einen lebendigen Einblick in die wunderbare Arbeit der Lehrer und Betreuer. Weiter im Norden Tamil Nadus liegt das Kidz Shelter in Sivakasi. Die örtlichen Behörden sind hier besonders streng. Trotzdem hat das Heim, das gerade eben Platz für die 30 Mädchen bietet, eine schöne Atmosphäre, alles ist sauber und aufgeräumt und es gibt liebevoll selbstgebastelte Dekorationen. Die sehr engagierte Heimleitung bemüht sich, zusammen mit unseren Mitarbeitern, die Anforderungen immer wieder zu erfüllen.

Zum Abschluss der Reise geht es in den Norden. Auf dem Weg ins Heim 36, dem „Jörn und Christa Grimm Tribal Home“ besuchen wir die „Moriya Public School“ mit dem Sahmser Shelter. Hier sind nur kleine Kinder untergebracht. Adivasi Kinder erhalten hier die grundlegende Schulbildung bis zur vierten Klasse. Es ist ein fröhliches Gewusel von kleinen Jungen und Mädchen. Der Weg ins Wayanad scheint endlos, wir kommen erst kurz vorm Dunkelwerden im Heim an und werden von einem tropischen Gewitter begrüßt. Wir sind mitten in der Natur und die Ruhe tut sehr gut. Es ist wirklich ein ganz besonderer Ort.

Aber das Highlight kommt am nächsten Morgen: mit dem Jeep fahren wir durch absolut unwegsames Gelände in den Wald/Dschungel, um Kühe und Ziegen zu übergeben. Wir besuchen mehrere Adivasi Familien, die hier verstreut in einfachen Lehmhütten leben. Sie haben nicht viel Besitz, aber alles ist sauber und aufgeräumt und nirgendwo ist der obligatorische Plastikmüll zu sehen - es ist einfach sehr schön hier. Über die Schenkung von Kühen und Ziegen freut man sich hier sichtlich, es ist eine gute Form der Unterstützung zur Selbsthilfe. Die Tiere werden sehr gut versorgt und die Milch ist wichtig für eine gesunde Ernährung. Der Verkauf eines Teils der Milch sorgt für ein bescheidenes Einkommen. Schwierig ist der Schulbesuch für die hier so abgelegen aufwachsenden Kinder. Viele dieser Mädchen aus der Umgebung sind in unserem Heim untergebracht und in weitem Umkreis ist es die einzige Einrichtung. Einmal mehr bin ich dankbar, unsere Hilfsprojekte direkt vor Ort zu sehen und festzustellen: alles ist richtig so wie es ist!

Meine erste Dienstreise endet nach über vier Wochen. Eine lange Zeit und dennoch ist sie schnell vergangen. Während der ganzen Zeit habe ich mich hier nicht fremd und immer sicher gefühlt. Ich habe Orte bereist, die Touristen nie besuchen würden und einen guten Einblick in die gesellschaftlichen Strukturen des großen Landes Indien erhalten und freue mich über Aufgabe, die erfolgreiche Arbeit der Patengemeinschaft fortführen zu dürfen!

Ich danke Baby Paul und Yacob für eine unglaublich informative und arbeitsreiche, aber trotzdem fröhliche Reise und den Mitarbeitern und Ihren Familien für die herzliche Aufnahme.

Ich grüße Sie herzlich,
Ulrike Lorenzen


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