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Reisebericht vonDésiréeSchliwa

Im August/September 2005 lebte ich für knapp 2 Monate in Kerala und Tamil Nadu in drei verschiedenen Kinderheimen. Es sollte kein touristischer Urlaub werden, sondern ich wollte die Menschen kennenlernen, wie sie leben, arbeiten, miteinander umgehen. Die Wochen meines Aufenthalts waren geprägt von massiven Eindrücken einer mir völlig fremden Kultur. Jeden Tag, jede Stunde, sah, erlebte, hörte, machte ich Sachen, von denen ich vorher nicht den Hauch einer Ahnung hatte.

Zuerst: die Menschen

Sie sind überall. Immer. Millionenfach. So viele Menschen habe ich noch nie auf den Straßen gesehen. Ich hatte zu Anfang Probleme, zu unterscheiden, wo ein Ort aufhört und der nächste anfängt, denn es laufen überall und immer Menschen umher. Indien ist ein großes Dorf. Es gibt natürlich auch Großstädte, jedoch spielt sich das wirkliche indische Leben auf den Dörfern ab. Hier in Kerala hört ein Dorf auf und das nächste fängt gleich hinter dem Ortsschild wieder an. Unterbrochen wird das nur durch Plantagen.

Die Menschen unterscheiden sich von mir schon rein äußerlich fundamental: Frau trägt Sari oder Dschuridar in allen nur erdenklichen Farben, so dass es überall unglaublich bunt ist. Die Hautfarbe der Menschen ist gerade in Südindien sehr dunkel. So fiel ich natürlich sehr auf. Hinzu kam noch, dass in der Regenzeit, meiner Reisezeit, sehr wenig Touristen unterwegs sind. Daher bekam ich auch mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als mir lieb ist. Ich habe lange gebraucht, mich daran zu gewöhnen (man sollte sich aber am Besten gar nicht daran gewöhnen, denn wenn man zurück in Deutschland ist und einen plötzlich keiner mehr anguckt, kann es anfangs zu leichten Selbstzweifeln führen...).

Das Straßenbild

Gedränge an der BushaltestelleDas nächste, sich fundamental von unserem Land unterscheidende, ist das Straßenbild. Nicht nur die Menschen sind überall kreuz und quer unterwegs, dies gilt für alles, was sich fortbewegen kann. Sei es mit einem Motor bestückt oder mit 4 Beinen. Kühe, Ziegen und Hunde sind selbstverständlicher Teil des Straßenbildes. Manchmal gibt es Straßenmarkierungen, die jedoch keine Beachtung finden, da riesige Schlaglöcher längst die Macht auf den Straßen übernommen haben. Geprägt von Kolonialzeiten, wird in Indien links gefahren. Wohl nicht aus Kolonialzeiten ist der Fahrstil. Der ist nämlich total verrückt und erscheint einem anfangs sehr lebensmüde. Nachdem ich mich von dem schockierenden Anblick mir entgegenkommender, sich gegenseitig, gleichzeitig(!) überholender– dabei sich auf unserer Spur befindender – Autos und Lastwagen erholt hatte, begann ich sogleich, mich drüber zu amüsieren und es zu genießen. Da nämlich niemand schneller als 50km/h fährt, jeder immer bremsbereit ist und seine Hand an der Hupe festgewachsen scheint, passiert nicht soviel, wie man denkt.

Die Vegetation

Die tropisch-grüne Landschaft SüdindiensNun zu etwas Gesünderem: die Vegetation. Zum größten Teil aus Kokospalmen bestehend, ist sie für Laub- und Nadelbaum-Europäer unfassbar schön. Saftiggrüne Reisfelder, Gummibaum-Plantagen, Ananasfelder, Mango- und Papayabäume, Pfeffer-, Chili- und Vanillesträucher, Kakteen, Bananenbaum- und Teeplantagen und Millionen anderer schöner, mir unbekannter Pflanzen, lassen einen in eine grüne Welt eintauchen, die jede strahlende Sommerwiese unserer schönen Alpen farblos erscheinen lässt. Man ertrinkt im Grün und badet im Duft von Jasminblüten.


Das Essen

Speisen werden traditionell auf Bananenblättern angerichtet und mit den Händen gegessen.Vom Gesunden geht´s weiter zum Leckeren: dem Essen. Obwohl vorgewarnt und ausgestattet mit mehr oder weniger brauchbaren Tipps zur besseren Verträglichkeit, ging ich recht mutig daran, alles zu essen, was man mir hinstellte. Glücklicherweise hatte mir mein Elternhaus schon oft ein recht scharfes Mahl beschert, so dass ich keine Probleme mit der feurigen Würze hatte. Dem ungeübten Gaumen empfehle ich jedoch Vorsicht. Aber alles war unglaublich vielfältig und einfach nur lecker! Noch mehr liebte ich das Essen, weil ich es mit den Fingern aß. Da die linke Hand als unrein betrachtet wird, isst man nur mit der rechten Hand. Bis zum Schluss übte ich fleißig, habe jedoch leider nie so eine schöne runde Reiskugel hinbekommen wie die Kinder. Zu deren Belustigung natürlich. Und da alles frisch zubereitet wird, hatte ich zum ersten Mal im Leben das Gefühl, mich wirklich gut und gesund zu ernähren.

Die Kinder

Doch nun zum Wichtigsten meines Aufenthaltes: die Heimkinder.
Neben dem Verarbeiten dieser ganzen neuen Eindrücke – was mir anfangs nicht gelungen ist, da es einfach viel zu viele waren – habe ich mich vor allem mit ihnen beschäftigt.
Anfangs waren sie schüchtern.
Ca. 10 Sekunden lang.
Dann ging das los, womit ich erst überfordert war, es später lieben lernte und nun fürchterlich vermisse: ich wurde umringt, mit Fragen bombardiert – die ich allerdings nicht verstand, da sie auf Malayalam oder Tamil (der Sprachen Keralas und Tamil Nadus) auf mich einströmten – meine Arme und Haare wurden angefasst, ich wurde beinahe erdrückt, sie sangen und tanzten für mich, wollten, dass auch ich singe und tanze (hätte ich das geahnt, hätte ich zu Hause noch einmal geübt!) und wollten Spiele spielen. Mit der Kommunikation war ich anfangs überfordert, da die Kinder nicht gut Englisch sprechen, aber gepaart mit der internationalen Händen-und-Füßen-Kommunikation konnten wir uns fortan gut verständigen.

Ich habe ihnen mit den HeimleiterInnen das Essen serviert und dann mit ihnen zusammen gegessen. Wenn sie aus der Schule zurück waren, haben wir uns den restlichen Tag mit Lernen oder Spielen vertrieben. Sie brachten mir indische Spiele bei – ‚Blinde Kuh’ und ‚Reise nach Jerusalem’ wird zwar anders genannt, aber genauso gespielt. Meine rechte Hand verschönerte sich um ein Henna-Motiv und der obligatorische Punkt zwischen den Augenbrauen durfte auch nicht fehlen.

Kinder beim Spiel und TanzInsgesamt waren alle Kinder, die ich dort getroffen habe, sehr offen und vor allem fröhlich. Es ist so schön, in ein lachendes Kindergesicht zu schauen – bemerkenswert vor allem, weil sie doch zu den Ärmsten der Welt gehören. Sie sind sehr dankbar für das, was die Patengemeinschaft ihnen ermöglicht, denn für die meisten ist es die einzige Chance, eine Ausbildung zu absolvieren. Auch hat es sie sehr erfreut, dass eine Europäerin sich für sie, ihr Leben und ihre Kultur interessiert.

Ihre Lebensfreude, ihre Neugierde, der familiäre Umgang miteinander, der mich auch mit einschloss, und ihr immerwährendes Lachen haben mir über Phasen hinweggeholfen, in denen es mir vor Heimweh und Überforderung mit den neuen Eindrücken dieser fremden Kultur zeitweise nicht gut ging. Ich habe sie alle sehr lieb gewonnen und vermisse sie sehr. Vor allem die Mädchen im „St. Magdalene Girls´ Home“ in Pancode und die Kinder vom „Kiwanis Boys´ Home“ und dem „Schwarzenbekers Girls´ Home“ in Mylaudy möchte ich ganz lieb grüßen und ihnen für diese tolle Zeit danken. Ich vermisse sie alle ganz schrecklich!

An dieser Stelle seien auch die Patengemeinschaft für hungernde Kinder e.V. und Dieter Hueske erwähnt. Denn sie ermöglichten mir diese Erfahrung erst, für die ich sehr, sehr dankbar bin. Außerdem ein großes Dankeschön an Paulose, der mich überall hin begleitete, mir viele Heime zeigte und sich geduldig die ganzen Wochen um mich kümmerte. Einen lieben Gruß schicke ich außerdem an Baby-Paul für die nette Begleitung und an alle anderen Mitarbeiter, die ich dort kennengelernt habe. Es war eine sehr schöne Zeit und ein unvergessliches Erlebnis.

DésiréeSchliwa
(Studentin, zum Zeitpunkt der Reise 22 Jahre alt)